Ich bin mal mit einer Gruppe von vier Freunden in die Boulderhalle gegangen. Wir hatten unterschiedliche Körpertypen und unterschiedliche Erfahrungsstände. Was mich überrascht hat: Wir haben dieselben Routen auf komplett unterschiedliche Weisen gelöst. Manche haben wir alle gemacht. Manche hat nur einer geschafft. Und jedes Mal war der Weg nach oben ein anderer.
Der Große mit viel Reichweite
Ein langer Arm löst manche Probleme ohne viel Nachdenken. Wer groß ist, kommt an Griffe, für die kleinere Boulderer einen Zwischenschritt brauchen. Weite Züge, die auf dem Routenzettel als schwierig markiert sind, sind auf einmal gar nicht mehr so weit.
Das hat aber einen Haken. Viele Routen sind so gesetzt, dass große Körper sich ungünstig im Weg sind. Enge Passagen, Routen mit tiefer Schwerpunktlage oder Bewegungen, die Hüftmobilität voraussetzen: Hier verliert die Reichweite ihren Vorteil. Große Boulderer lernen, sich zu verkleinern, die Hüfte nah an die Wand zu bringen und mit Präzision zu kompensieren, was mit Länge allein nicht geht.
Der Kleine mit gutem Gleichgewicht
Kleinere Boulderer haben ein niedrigeres Schwerpunktzentrum, was Stabilität und Gleichgewicht an der Wand begünstigt. Sie hängen weniger, sie stehen mehr. Footwork ist oft präziser, weil es sein muss.
Wer nicht einfach hinlangen kann, muss einen cleveren Weg finden. Das zwingt dazu, Routen genauer zu lesen und Körperpositionen zu finden, die für große Boulderer schlicht nicht nötig wären. Viele der technisch stärksten Kletterer sind nicht besonders groß.
Der Kraftmensch
Wer stark ist, kann sich durch manche Probleme arbeiten. Eine Position, die eigentlich präzises Footwork verlangt, lässt sich manchmal mit Griffkraft halten. Ein Zug, der technisch komplex ist, wird durch Muskelkraft vereinfacht. Überhänge, die anderen Angst machen, sind für jemanden mit viel Oberkörperkraft oft der bevorzugte Spielplatz.
Das funktioniert bis zu einem Punkt. Ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad ist Kraft allein nicht mehr genug. Manche Routen verlangen Gleichgewicht und Körpergefühl, da kommt man mit reiner Stärke schlicht nicht weiter. Irgendwann muss man die Technik lernen, da kommt niemand drum herum.
Der Analytiker
Der vierte Freund in meiner Gruppe war der, der am längsten unten gestanden hat. Er hat geschaut, hat die Griffe abgetastet, hat nachgedacht. Manchmal minutenlang. Und dann ist er hochgegangen und hat die Route manchmal beim ersten Versuch gelöst.
Bouldern belohnt das. Eine Route ist ein Problem, und wer Probleme gerne systematisch angeht, hat hier einen klaren Vorteil. Die Antwort liegt in der Abfolge der Bewegungen, im Körperschwerpunkt, im Timing. Wer das richtig liest, braucht weniger Kraft.
Allerdings: Irgendwann muss man auch einfach an die Wand. Zu viel Analyse ohne Versuch bringt nichts. Der Körper lernt durch Ausprobieren, und manchmal löst sich ein Problem erst dann, wenn man mittendrin steckt.
Was das bedeutet
Bouldern hat kein optimales Körperprofil. Jede Eigenschaft bringt Vorteile, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Natürliche Stärken helfen, sie reichen aber nicht. Irgendwann lernt jeder, seinen Körper besser zu nutzen, Schwächen zu kompensieren und Stärken gezielter einzusetzen. Das ist ein großer Teil des Spaßes: Man geht kreativ an jede Route heran und findet den Weg, der zum eigenen Körper passt.
Wenn du merkst, dass bestimmte Routen für dich deutlich leichter sind als für andere in deiner Gruppe, liegt das oft nicht an Talent. Es liegt daran, dass die Bewegung einfach zu deinem Körper passt. Andere Routen werden dich fordern. Beides ist normal, und beides macht Bouldern aus.
Es geht nicht ums Gewinnen. Niemand hält Punkte fest, und die Route, an der du heute scheiterst, ist morgen vielleicht leicht lösbar. Jeder hat sein eigenes Tempo, und jeder findet beim Bouldern etwas anderes: den körperlichen Ausgleich, das Lösen von Problemen, den Spaß mit anderen oder einfach das Gefühl, sich selbst eine Herausforderung gestellt und sie irgendwann genommen zu haben. Also, probiere immer etwas Neues und finde heraus, was dir an der Wand am meisten Spaß macht.
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